Dem Reitsport droht ein Eklat bei den Olympischen Spielen: Nachdem das Pferd des deutschen Springreiters Christian Ahlmann positiv getestet worden war, wurde nun bekannt, dass noch drei andere Teams von Doping-Fällen betroffen sind.
Darunter befindet sich auch die norwegische Mannschaft. Beim Pferd von Tony Andre Hansen, Camiro, war die gleiche verbotene Substanz gefunden worden, wie bei den Tieren von Christian Ahlmann, Denis Lynch (Irland) und Bernardo Alves (Brasilien). Die Norweger könnten bei einer Bestätigung des Resultats durch die B-Probe ihre in Hongkong errittene Bronzemedaille an die Schweiz verlieren.
Der durchblutungs-
fördernde Extrakt der Chilischote ist auch in herkömmlichen ABC-Pflastern enthalten.
Bei allen vier Pferden wurde das auf der Dopingliste stehende Mittel Capsaicin festgestellt. Der deutsche Mannschafts-Tierarzt Björn Nolting erklärt, dass das Mittel als Creme an den Vorderbeinen oberhalb des Hufes angebracht werden könne, um die Haut zu reizen, was das Anschlagen an die Stangen schmerzhafter macht. Die Substanz wäre auch deshalb geeignet, weil sie laut Nolting "als flüchtig" gilt. Capsaicin fällt in die Klasse der verbotenen Medikation im Wettkampf, im Falle des Missbrauchs allerdings unter Doping. Erst durch die Urteile der FEI-Gerichtsbarkeit wird exakt festgestellt, ob es sich um Doping oder verbotene Medikation handelt.
Die FEI unterscheidet zwischen Doping und zwei unterschiedlichen Klassen von verbotener Medikation. Pferde dürfen natürlich medizinisch behandelt werden, aber viele Mittel dürfen während eines Wettkampfes nicht mehr im Körper sein. Andere Mittel können nach Beantragung zugelassen werden. Die bei Beerbaums Goldfever 2004 gefundenen Substanz Betamethason war z. B. eine nicht erlaubte Medikation.
Außerdem gibt es eine Liste mit reinen Dopingmitteln, deren Auffinden zu längeren Sperren führt. Bei verbotener Medikation sind die Strafen deutlich geringer. Die Reiter selber reden von Doping-Proben, wenn ihre Pferde getestet werden.
Die vier positiven Capsaicin-Proben seien durch ein neues Testverfahren zustandegekommen, erklärt Paul Farrington, Mitglied der Veterinär-Kommissionen. Bei 15 untersuchten Pferden und vier Positiv-Fällen spricht vieles dafür, dass Capsaicin im Springreiten systematisch zur Hyper-Sensibilisierung der Pferdebeine eingesetzt wird. "Jetzt haben wir unser Epo-, unser Radfahrer-Problem", befürchtet Hanfried Haring, Generalsekretär des deutschen Verbandes.
Die Untersuchung der Proben erfolgte im Hongkong Analytical Laboratory. "Dieses Testverfahren wird hoffentlich bald an die anderen Labors weiter gereicht", sagt Haring. Laut Farrington war die Substanz "schon immer verboten, aber jetzt ist es durch bessere Methoden nachzuweisen."
Ahlmann wurde ebenso wie alle anderen Reiter mit sofortiger Wirkung von den Olympischen Spielen ausgeschlossen. Mit dem Ausschluss der Reiter greift die neue Regelung der FEI, die Athleten schon nach einer positiven A-Probe vom Wettkampf suspendiert. Die Öffnung der B-Proben soll am Freitag vonstatten gehen. Das Ergebnis soll drei Tage später vorliegen.
Die Zahl von vier positiven Fälle bezeichnete Peter Hofmann, der Vorsitzende des deutschen Springausschusses, als "Supergau für den Sport". Da denke "man natürlich darüber nach, welche Auswirkungen, dass auf den olympischen Reitsport hat". Die drei Pferdesport-Disziplinen gelten wegen der hohen Kosten seit Jahren als Streichkandidaten für das olympische Programm. Die neuen Doping-Fälle vergrößern das Problem. Vor vier Jahren hatte auch der Springreiter Cian O'Connor seine Medaille nach einem Positiv-Test verloren.
Ob eine Streichung aus dem olympischen programm erfolgt, werde davon abhängen, Ewie die FEI damit umgeht", sagt Haring und fordert eine schnelle Aufarbeitung. Zur Behandlung des Ahlmann-Falles durch den deutschen Verband meint er: "Da gibt es keine alten Verdienste und keinen Artenschutz." Ahlmann hatte nach Angaben des Verbandes bei der Anhörung gesagt, dass er sich die positive Probe nicht erklären könne und dass er mehr Zeit für die Recherche benötige.
"Der Schatten fällt auch auf alle anderen im Team", sagt Verbands-Generalsekretär Hanfried Haring und befürchtet einen großen Imageschaden: "Ich schwanke zwischen Unverständnis und Wut." Zweifel an der Schuld hat Haring nicht: "Kann doch keiner sagen, dass das vom Himmel fällt."
"Ich bin fassungslos", sagt der deutsche Delegationsleiter Reinhard Wendt zum Fall Ahlmann. "Das ist ein Desaster." Vier Jahre nachdem die deutschen Springreiter ihr Gold aus Athen wegen einer verbotenen Medikation von Ludger Beerbaums Pferd Goldfever zurückgeben mussten, war die Nachricht über Ahlmanns positiven Doping-Test niederschmetternd.
Nolting versicherte, dass er von keiner Behandlung des Pferdes Cöster gewusst habe. Alle deutschen Reiter haben unterschrieben, dass die Tiere acht Wochen vor sowie während der Spiele nicht ohne Absprache mit dem Veterinär behandelt werden dürfen. "Wir haben zig-fach darüber gesprochen", berichtet Nolting. Die Reiter seien "mehrfach aufgeklärt" worden.